Volksverdummung im Internet I: „Rauchen schützt vor Lungenkrebs“

In der letzten Zeit liest man im Internet immer wieder Artikel von Autoren, die versuchen, im Gegensatz zu den wissenschaftlich erwiesenen Tatsachen, herauszuarbeiten, dass vom Tabakrauchen keine erhöhte Gefahr an Krebs zu erkranken ausginge. Wir wollen nachfolgend einen Artikel exemplarisch untersuchen und ermitteln, welcher Strategien sich die Autoren bedienen, um zu versuchen, ihre offenkundigen Absurditäten zu belegen.

Hier zuerst der Artikel auf den sich diese Ausarbeitung bezieht:

http://www.doc-germanicus.net/2012/11/pruegelknabe-tabak-….source=pubv1

Wir lesen bereits in der Überschrift, wohin der Autor seine Leser führen will:

Krebsursachen: Radar, Mikrowellen, Radioaktivität!

so titelt er großsprecherisch. Weiter schreibt er:

Was verursacht eigentlich Krebs, insbesondere Lungenkrebs?Als Prügelknabe  steht das Rauchen wohl so ziemlich unangefochten an der Spitzenposition. Dabei schaut man recht grosszügig über so genannte Ausnahmen von der Regel hinweg, wenn man realisieren muss, dass es eben auch an Lungenkrebs erkrankte NichtRaucher einerseits und andererseits Raucher gibt, die steinalt werden, zuweilen auch schon mal das Alter von 100 deutlich überschreiten…

Hier erkennt man bereits die evidenten Probleme des Autors, der sich wohl in krasser Verkennung seiner wirklichen Qualifikation „Doc GermaniCus“ nennt, die statistischen und stochastischen Zusammenhänge der Genese von Krebserkrankungen in seiner Arbeit abzubilden. Vermutlich, weil er sie nicht kennt. Zwischen den Zeilen kann man nämlich lesen, dass er aus der Tatsache, dass auch Nichtraucher (in seltenen Fällen) ein Bronchialkarzinom entwickeln und Raucher eben auch in einer bestimmten Anzahl von Fällen davon verschont bleiben, die Entstehung eines Lungenkrebs nicht vom Rauchen abhängen könne.

Wie der Autor auf diese absurde Idee kommt, weiß vermutlich nur er selber. Was er insbesondere nicht versteht, ist, dass inhalatives Tabakrauchen vor allem das Risiko erhöht, an Lungenkrebs zu erkranken aber diese Krankheit nicht alleine determiniert, denn die Entstehung einer Krebserkrankung basiert immer auf mehreren Ursachen, sie ist „multifaktoriell“.

So kommen beim Lungenkrebs gesichert schädigende Einwirkungen von außen als erstes in Betracht. Tabakrauch, aber auch berufsspezifsche Noxen wie eine Asbest- oder Chrombelastung, sind hier zu nennen. Genetische Ursachen sind ein weiterer wichtiger Faktor, denn je nach genetischer Ausstattung kann ein Individuum besser mit mutagenen Substanzen, wie sie im Tabakrauch enthalten sind, umgehen als andere Individuen und die entstandenen DNA-Schäden im Zellkern reparieren so dass es nicht zu einer unkontrollierten Zellteilung kommt.

Und genau diese Risikoerhöhung des Rauchers für das Entstehen eines Karzinoms wird von Autoren wie „DocGermanicus“ nicht einmal in Ansätzen korrekt bewertet.

So kann man durch wissenschaftliche Untersuchungen an großen Kollektiven nachweisen, dass

  • 90% der männlichen Lungenkrebspatienten Raucher sind obwohl Raucher nur ungefähr 30% der Bevölkerung stellen
  • im Mittel einer von 10 Rauchern im Laufe seines Lebens an Lungenkrebs erkrankt und stirbt (Lebenszeitrisiko ~10%), dafür aber
  • nur jeder 200. bis 400. Nieraucher (Lebenszeitrisiko ~0,25 bis 0,5%) ein Bronchialkarzinom entwickelt
„Etwa jeder zehnte Raucher erkrankt im Laufe seines Lebens an Lungenkrebs, im Durchschnitt 30 bis 40 Jahre nach Beginn des Tabakkonsums. Zigarettenrauch kann bei acht bis neun von zehn männlichen Lungenkrebspatienten und bei drei bis sechs von zehn erkrankten Frauen als Hauptursache angenommen werden.“
(Quelle Krebsinformationsdienst)

Des Weiteren besteht eine Dosis-Risiko-Beziehung beim Bronchialkarzinom. Diese ist assoziiert mit den „Pack-Years“ also den pro Jahr akkumulativ gerauchten Schachteln an Zigaretten (mit 20 Stck. Zigaretten pro Schachtel gerechnet):

Das Raucherrisiko (für ein Bronchialkarzinom, PR) ist ab 20 „pack-years“ gegenüber dem des Nierauchers um 20- bis 40-fach erhöht.
Die Innere Medizin: Referenzwerk für den Facharzt, S. 391

Als nächstes, nachdem seitens des Autors das Rauchen als krebserregend ausgeschlossen wurde, begibt er sich auf die Suche nach den wahren Ursachen dieses tödlichen Lungenleidens. Und, man ahnt es, er wird fündig. Und zwar zuerst in Form der allseits beliebten „Psyche“.

„Bereits 1759 beschrieb der englische Arzt Gendron die Bedeutung von „Lebenskatastrophen, die grosse Sorgen und Kummer mit sich bringen“ im Zusammenhang mit Krebs.“

Sehr auffällig ist, dass hier eine über 260 Jahre alte Sichtweise vertreten wird. Es wäre in der Tat wünschenswert, wenn man sich bei der Bearbeitung eines derart komplexen Themas nicht auf den Wissenstand von vor 2 1/2 Jahrhunderten begeben würde. Heute ist nämlich bekannt, dass Krebs keine psychischen Ursachen hat weil kein entsprechender Zusammenhang nachgewiesen wurde. Diese mögliche Verbindung zwischen Seelenleben und Krebsentstehung wurden zwar immer wieder untersucht, aber mit immer dem selben Ergebnis. Ein Zusammenhang existiert nicht. Es gibt mithin auch keine „Krebspersönlichkeit“.

„Auf der Suche nach Ursachen für eine Krebserkrankung stellen viele Menschen spontan einen Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und Krebs her. In Studien konnte bisher kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Stress, Depression oder bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und der Krebsentstehung gefunden werden. “
(Quelle Krebsinformationsdienst)

In der Folge versucht der unbekannte Autor „DocGermanicus“ nun nachzuweisen, dass das Tabakrauchen in Europa seit 500 Jahren praktiziert würde, man aber bis in das 20. Jh. hinein keine schädlichen Auswirkungen habe feststellen können:

„Die Matrosen, Pendler zwischen alter und neuer Welt, fanden Gefallen am Tabak und brachten ihn in die süd- und westeuropäischen Häfen, von wo aus Händler ihn in der ganzen Welt verbreiteten. Schnell wurde die Sitte des Rauchens übernommen. Tabak wurde rasch zum teuren und bedeutenden Handelsgut, wozu auch seine vermutete medizinische Wirkung beisteuerte.
Also hatten die Herrschaften Mediziner gut über 300 Jahre Zeit, sich ein ausführliches Bild von der Schädlichkeit des Rauchens zu machen, insbesondere um einen Zusammenhang mit dem Krebs herzustellen.“

Diese sehr naive Sicht auf das Problem beeindruckt wirklich.

Zuerst einmal muss gesagt werden, dass Tabak bis zur Einführung großindustriell hergestellter Zigaretten von nur einer sehr kleinen Bevölkerungsschicht konsumiert wurde. Weiterhin war die Dosierung insgesamt sehr viel geringer, da Tabak kein Massenprodukt war und ihn sich nur wenige leisten konnten. Drittens wurde er früher üblicherweise in Pfeifen geraucht. Daraus folgt, dass die Inhalation des Tabakrauches in den Bronchialtrakt entweder gar nicht oder nur mit sehr geringer Tiefe stattfand. Gerade letzterer Sachverhalt stellt aber ein erheblich risikosteigerndes Moment für die Ausbildung eines Bronchial-Ca. dar.

Und nun wird uns dann, neben der allfälligen Psyche, im letzten Teil des Textes die wahre Ursache der sich rasant ausbreitenden Krebserkrankungen präsentiert. Es ist, man fürchtet es, die Radioaktivität.

Ende des Krieges began man Atombomben zu zünden. Nicht nur über Japan, dem Bikini-Atoll, auch ansonsten weltweit in der Atmosphäre. Somit wurden mit einen Schlag Unmengen an radioaktiven und radioaktiv strahlenden Partikeln frei gesetzt. Weltweit!

Auch wenn man heute die Atombombenversuche eher unterirdisch oder als Computersimulation ausführt, steigt die Strahlenbelastung weiter an. Zu den vorhandenen Verunreinigungen kommen täglich neue hinzu. Sei es durch Medizin, Kraftwerken Atommüll oder neuerdings auch durch Uran-Waffen.

Auch hier leider wieder nur unhaltbare Spekulation. Die Grafik unten zeigt die Anreicherung von radioaktivem Kohlenstoff (C-14, Halbwertszeit ca. 5730 Jahre) in der Atmosphäre auf der Südhalbkugel in Folge oberirdischer Atombombenversuche in den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts:

c-14

Andere Isotope mit wesentlich kürzerer Halbwertszeit wie das durch das Reaktorunglück in Tschernobyl in großer Menge freigesetzte Cäsium-Isotop Cs-137 mit einer HWZ von ca. 30 Jahren sind ebenfalls in ihrer Belastung für Lebewesen bereits stark vermindert. Dies entweder aufgrund des natürlichen Zerfalles oder durch Bindung an anorganische Substrate.

Auch trägt der Anteil der künstlichen Kernumwandlungen nur einen sehr geringen Anteil zur gesamten Strahlenbelastung bei:

strahlenbelastungen

Das größte Quantum an der menschlichen Strahlenbelastung machen danach das Einatmen von Radon aus dem Boden und die kosmische Strahlung (welche beide seit Beginn der Erdgeschichte vorhanden sind) sowie die medizinischen Anwendungen aus neuerer Zeit aus.

Den Abschluss unseres Autors macht ein Vortrag, dessen Unsinnigkeit an dieser Stelle nur rudimentär weiter kommentiert werden soll. Wir lassen „DocGermanicus“ einfach für (oder besser „gegen“) sich selbst sprechen:

Die Staaten die ihre Militärs und unbeteiligte Zivilisten direkt und indirekt den Gefahren  sowohl der radioaktiven-, wie auch der Radar-Strahlung aussetzten, hatten vielleicht viele Absichten. Für die von ihnen zu verantwortenden Schäden zu haften, zählte aber nicht dazu.  So bestritt man lange Zeit all das was man tagtäglich angerichtet hatte.. Aber man brauchte einen Sündenbock, einen Prügelknaben. Am besten etwas, womit man den Opfern hämisch ins Gesicht grinsen konnte: “Du bist doch für dein Leiden selber schuld!”   OK.. Es musste natürlich etwas sein, was in weiten Kreisen der Bevölkerung verbreitet war. Da kam man aufs Rauchen und Passivrauchen.  Allen Belastungen durch industrielle Produktionsmethoden und deren Abfälle, dem Massenverkehr, den Atomwaffen und Mikrowellen zum Trotz, soll allein der Tabak der diabolische Bösewicht sein. Selbst Parasiten und Infektionen erhalten da noch den Persilschein! Nein, es kann und darf fortan nur noch der Tabak das Übel der Zeit sein.

Radarstrahlung ist, das weiß „DocGerminicus offenbar nicht, nicht mutagen, d. h. sie löst auch keinen Krebs aus. Lediglich thermische Effekte  sind zu beobachten, wenn Gewebe Mikrowellenstrahlung gegenüber exponiert wird. Zumal die meisten Menschen sowieso derart weitab der nächsten Radaranlage wohnen werden, dass aufgrund des Strahlungs-Abstands-Gesetzes (dW=W0/ds2)keine nennenswerten Energieportionen mehr am Expositionsort vorhanden sind.

Trotzdem ist laut „DocGermanicus“ die wahre Ursache für Lungenkrebs gefunden: Eine große Verschwörung des militärisch-industriellen Komplexes mittels Radar und anderer Technologien. Lassen wir das einfach mal so stehen…

Fazit: Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung und darf im Rahmen dieses Rechtes jeden Schwachsinn verbreiten. Aber muss das denn wirklich immer sein?

(C)  Peter Rachow von raucherwahnsinn.de (2012)

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3 Gedanken zu „Volksverdummung im Internet I: „Rauchen schützt vor Lungenkrebs“

  1. *smile*
    Dank Ihrer (und ähnlicher Seiten..!) verbuchen meine „Tabak“- Seiten durchaus über vergleichsweise überdurchschnittliche Zugriffsraten..
    Nebenbei darf ich dann auch die Seiten „Schockfotos: Raucherlungen bei Körperwelten wohl gefärbt“ und die These vom „DDT- Der Krebs unserer Eltern!?“ verweisen.. 😉

    Danke

    Viele Grüsse!

    • Nichtraucher sagt:

      Du bist also auch noch stolz drauf, wenn Peter deinen geistigen Dünnpfiff Zeile für Zeile widerlegt? Na servus…..

  2. […] Und warum das ganze dumme Geschwätz von der Radioaktivität als dem “wahren Auslöser” des Lungenkrebs höchstgradiger Bullshit ist, habe ich hier dargelegt: (Link zu raucherdossiers). […]

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