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„Süddeutsche“: Tabakwerbung verbieten hilft nicht. Oder doch?

In einem online-Artikel der „SZ“ schreibt Guido Bohsem etwas zum angedachten allgemeinen und einschränkungslosen Werbeverbot für Tabakwaren. Und dessen Meinung mag ich mich überhaupt nicht anschließen. Denn Herr Gohsem lässt bei seinen Betrachtungen elementare Sachverhalte außer acht.

Guido Bohsem (Süddeutsche Zeitung): Hersteller von Tabak und Zigaretten brauchen eigentlich gar keine Werbung. Ihr Produkt macht süchtig, wie kaum ein anderes Konsummittel. Und es ist, im Vergleich zu anderen Suchtmitteln, recht schwer, das Rauchen wieder sein zu lassen. Manch einer kommt sein ganzes Leben lang nicht davon weg, obwohl er oder sie es immer wieder versucht. (Quelle)

Bereits hier irrt der Autor. Ist jemand erst einmal süchtig nach Nikotin mag ihm Tabakwerbung wirklich egal sein. Diese Nutzer sind aber nicht die Zielgruppe. Die sind schon „angefixt“ und da könnte man sich den Aufwand in der Tat sparen. Es geht um die Neukunden von denen die Tabakdrogenlobby jeden Tag alleine in Deutschland ca. 300 aquirieren muss, weil ihnen die Altkunden in gleicher Zahl wegsterben. An Lungenkrebs, anderen durch das Rauchen ausgelösten Krebserkrankungen, Herzinfarkt etc. Wer tot ist, raucht nicht mehr und man braucht daher für jeden „sozialverträglich früh abgelebten“ Raucher einen neuen. Und genau darauf hat die Tabakwerbung den Fokus. Neue Kunden braucht der Markt der tödlichen Drogen.

Warum sieht man denn auf den Plakaten nur frisch und cool aussehende Jugendliche? Und dies trotz Werbeverbots mit Personen, die erkennbar unter 30 Jahren alt sind? Weil man genau diese Leute als Werbeikonen und als Neukunden dringend benötigt.

„Get them while they’re young!“ ist dabei seit Jahrzehnten die Maxime der Tabakwerber. Wen man mit 15 als Raucher anfixt, aus dem kann man 20, 30, 40 oder bestenfalls 50 Jahre den maximalen Profit rausholen bis er dann nach einem „genussvollen“ Leben endgültig abtritt. In internen Dokumenten der Tabaklobby stand die Zielrichtung daher schon in den 80ern eindeutig definiert:

„It is important to know as much as possible about teenage smoking preferences. Today’s teenager is potentially tomorrow’s regular customer.“

Andere Darstellungen im Artikel von Bohsem sind ebenfalls kaum nachvollziehbar:

Guido Bohsem (Süddeutsche Zeitung): Es geht um Plakate, um abendliche Werbung im Kino und um Werbung in Kiosken oder Rauchwaren-Geschäften. Es ist eine Werbung, die also weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Wenn Plakate unter „Ausschluss der Öffentlichkeit“ ausgestellt werden, dann sollte Herr Bohsem vielleicht einfach mal offenen Auges durch die Stadt laufen. Mir begegnen diese Tabakwerbungen nämlich an allen erdenklichen Orten: Auf Bahnhöfen, am Straßenrand, an Litfasssäulen. Ähnliches gilt auch für andere Werbungen: Ins Kino gehen vor allem junge Leute, an Kiosken kommen alle vorbei, der schwerstabhängige Zigarettenjunkie nach 30-jähriger Raucherkarriere ebenso wie der Zwölfjährige der gerade aus der Schule nach Hause geht.

Guido Bohsem (Süddeutsche Zeitung): Nach Schmidts Vorstellungen soll der Staat nun die Werbung für ein Produkt vollständig verbieten, das er selbst als legal einstuft und für dessen Konsum er in diesem Jahr mehr als 14 Milliarden Euro Steuern kassiert.

Das typische Raucherargument. Weil der Staat dran verdient, muss man auch die Werbung zulassen. Eine sehr eigentümliche und wenig reflektierte Aussage. Der Staat verdient übrigens beispielsweise auch an Waffen. Darf man nun die Forderung nach offensiver Waffenwerbung erheben? Sicher nicht. Denn sowohl Waffen als auch Zigaretten sind tödliche Produkte. Bei Waffen nur mit dem Unterschied, dass primär der getötet wird, auf den sich die Mündung richtet. Bei Zigaretten der, der sie bestimmungsgemäß gebraucht. Zigaretten sind somit ebenfalls potenziell tödliche Produkte. Und für die verbietet sich eine offensive Bewerbung schon aus ethischen Gründen.

Guido Bohsem (Süddeutsche Zeitung): Das versteht kein Mensch. Auch in der Sache trägt Schmidts Vorschlag nichts dazu bei, die Zahl der Raucher auch nur geringfügig zu senken. Da hilft nur beharrliche Aufklärung, geduldiges Informieren und das Aufzeigen von Wegen aus der Sucht.

Das dürfte der einzige Teil des Aufsatzes sein, wo ich Herrn Gohsem zumindest teilweise, nämlich bei dem letzten Satz, zustimmen mag. Und genau deshalb muss man Tabakwerbung verbieten. Jugendliche müssen sehen, dass Rauchen nichts mit Coolness und Erwachsensein zu tun (es sei denn man möchte schnell so aussehen wie die bekannten erwachsenen Raucherwracks aus der Szene). Rauchen ist nicht chic, es ist nicht cool und die Tabaklobby muss daran gehindert werden ihre Botschaften von „Rauchen bedeutet Coolness“ wie z. B. die „May be“-Kampagne von Marlboro weiter unter’s Volk zu streuen. Junge, coole Raucher im offenen teuren Cabrio sind die falsche Botschaft. Aber am Infusionstropf hängende Lungenkrebspatienten mit einer Restlebenserwartung von wenigen Monaten eignen sich nicht besonders gut als Werbeträger, das gebe ich zu.

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